Von Kopfschmerzen bis Rückenschmerzen: Warum Faszien das fehlende Puzzleteil sein können

Read this article in English

Viele Menschen leben mit Beschwerden, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben:

  • Spannungskopfschmerzen oder Migräne

  • Nacken- und Schulterschmerzen

  • ein „blockierter“ oberer Rücken

  • Schmerzen im unteren Rücken oder in der Hüfte

  • Knie- oder Fußbeschwerden

Oft wird jeder Bereich für sich behandelt: eine Tablette gegen den Kopfschmerz, eine Dehnübung für den Nacken, eine Orthese fürs Knie.

Aus Faszien-Sicht gibt es jedoch eine andere Perspektive:
Ihr Körper ist keine Ansammlung einzelner Teile, sondern ein zusammenhängendes System – und Faszien sind ein wichtiger Teil dieser Verbindung.

In diesem Artikel geht es darum,

  • was Faszien eigentlich sind,

  • wie sie Beschwerden in unterschiedlichen Körperregionen miteinander verbinden können,

  • warum das bei Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen eine Rolle spielt,

  • und was Sie selbst tun können.


1. Was sind Faszien eigentlich?

Faszien sind das Bindegewebsnetzwerk, das sich durch den ganzen Körper zieht.

Sie …

  • umhüllen und verbinden Muskeln, Knochen, Organe, Nerven und Blutgefäße,

  • bilden lange Ketten und Bahnen von Kopf bis Fuß,

  • enthalten viele Nervenenden und Sensoren (z.B. für Spannung, Druck und Position).

Man kann sie sich vorstellen wie …

  • einen dreidimensionalen, leicht elastischen „Ganzkörperanzug“ unter der Haut,

  • oder wie das Gurtband in einem Zelt, das alle Stangen miteinander verbindet.

Wenn Faszien gut durchfeuchtet, elastisch und organisiert sind, fühlt sich Bewegung oft …

  • flüssiger,

  • koordinierter

  • und weniger anstrengend an.

Werden sie dagegen zu dicht, „klebrig“ oder überlastet, kann man zum Beispiel spüren:

  • Ziehen, Enge oder ein „Zerren“ in bestimmten Bereichen,

  • eingeschränkte Beweglichkeit,

  • Schmerzen, die wandern oder „ausstrahlen“.


2. Wie Faszien „weit entfernte“ Beschwerden verbinden können

Weil Faszien lange Ketten bilden, kann Spannung an einer Stelle an einer ganz anderen Stelle spürbar werden.

Beispiele:

  • Ein steifes, eingesunkenes Fußgewölbe kann beeinflussen, wie Knie, Hüfte und der untere Rücken Belastung aufnehmen und ausgleichen müssen.

  • Ein sehr verspannter Brustkorb (oder Brustbereich) kann die Schultern nach vorne ziehen und den Nacken stärker belasten.

  • Alte Narben (z.B. nach Operationen, Kaiserschnitt oder Unfällen) können verändern, wie Kräfte durch nahe und weiter entfernte Gewebe weitergeleitet werden.

Von außen klingt das oft so:

  • „Ich habe Nackenschmerzen.“

  • „Mein unterer Rücken ist immer fest.“

  • „Ich bekomme am Tagesende Kopfschmerzen.“

Aus Faszien-Sicht kann es sein, dass eine Spannungskette an einer anderen Stelle beginnt – und dort endet, wo es am meisten weh tut.

Das heisst nicht, dass „alles nur Faszien“ sind oder dass andere Strukturen (Gelenke, Bandscheiben, Nerven) unwichtig wären. Es bedeutet:

Faszien sind oft ein Teil des Gesamtbildes – und manchmal das fehlende Puzzleteil, wenn lokale Behandlungen allein nicht dauerhaft helfen.


3. Kopfschmerzen und Nackenverspannung: mehr als nur „Stress“

Viele Spannungskopfschmerzen und Nackenbeschwerden hängen zusammen mit:

  • dauerhaft angezogenen Schultern („Schultern als Ohrringe“),

  • einem Kopf, der ständig vor dem Körper steht,

  • Enge im oberen Rücken sowie im Kiefer- und Brustbereich.

Aus faszialer Sicht können dabei unter anderem eine Rolle spielen:

  • verkürzte oder wenig elastische Faszien an der Vorderseite von Hals und Brust,

  • überlastete Faszienketten, die vom oberen Rücken Richtung Kopf ziehen,

  • feine „Haltemuster“ im Kiefer- und Rachenbereich.

Deshalb kann eine faszienorientierte Sitzung bei Beschwerden wie „Kopfschmerzen“ auch beinhalten:

  • Arbeit mit dem Brustkorb und der Atmung,

  • sanfte Arbeit im Brust- und Schulterbereich,

  • Aufmerksamkeit für die Füße und die Unterstützung vom Boden.

Wenn die gesamte Kette mehr Raum, Beweglichkeit und Unterstützung bekommt, müssen Nacken und Kopf oft weniger kompensieren.


4. Rückenschmerzen: Kreuzungspunkt vieler Faszienlinien

Der untere Rücken ist ein klassischer „Beschwerdebereich“. Aus Faszien-Sicht ist er oft auch eine Art Kreuzungspunkt:

  • Linien aus Füßen und Beinen laufen über das Becken nach oben,

  • Linien aus Schultern und Kopf wirken über die Wirbelsäule nach unten,

  • die tiefe Mitte (u.a. Zwerchfell und Beckenboden) verbindet oben und unten.

Wenn Faszien in den Beinen, Hüften oder an der Körpervorderseite sehr gespannt sind oder wenig gut organisiert zusammenarbeiten, wird der untere Rücken häufig zu einem Ort, der …

  • ausgleichen muss

  • und an dem viele Kräfte zusammentreffen.

Darum hält ein rein lokaler Ansatz („nur den unteren Rücken dehnen“) oft nicht lange vor.

Ein faszienbasierter Blick bezieht auch mit ein:

  • wie Ihre Füße und Knie Belastung aufnehmen,

  • wie beweglich Ihre Hüften und Ihr Brustkorb sind,

  • wie Sie atmen und wie Ihre Körpermitte darauf reagiert.

Es geht nicht darum, die schmerzende Stelle zu ignorieren, sondern zu verstehen, warum sie gerade so stark unter Druck steht.


5. Alte Verletzungen und Narben: kleine Stellen, große Wirkung

Narben und alte Verletzungen können einen erstaunlich weiten Einfluss auf das fasziale System haben:

  • Eine Kaiserschnittnarbe kann beeinflussen, wie Bauch, unterer Rücken und Hüften miteinander „zusammenarbeiten“.

  • Eine Narbe nach einer Knieoperation kann verändern, wie Belastung durch Bein und Becken weitergegeben wird.

  • Ein Sturz auf Steißbein oder Hüfte kann Spannungen hinterlassen, die sich entlang der Wirbelsäule fortsetzen können.

Auch wenn die Narbe selbst nicht weh tut, kann das umliegende Gewebe …

  • weniger elastisch sein,

  • schlechter über Nachbarstrukturen gleiten,

  • und andere Signale an das Nervensystem senden (z.B. mehr Schutz- oder Spannungsimpulse).

Sanfte, spezialisierte Arbeit wie ScarWork™ zielt darauf ab,

  • die Qualität und Beweglichkeit von Narbengewebe zu verbessern,

  • das umliegende Fasziennetz besser zu integrieren,

  • Ziehen, Enge oder „fremd“ Empfindungen zu reduzieren.

Wenn sich die Spannung und Beweglichkeit rund um eine Narbe verändern, können sich bei manchen Menschen auch Beschwerden in anderen Bereichen mitverändern – selbst wenn der Zusammenhang auf den ersten Blick nicht offensichtlich war.


6. Was Sie selbst tun können: faszienfreundliche Ansätze

Wenn Sie vermuten, dass Faszien bei Kopf- oder Rückenschmerzen eine Rolle spielen, müssen Sie nicht Ihr ganzes Leben umkrempeln. Oft reichen kleine, regelmässige Schritte, um erste Veränderungen wahrzunehmen:

Bewegung mit Abwechslung

  • Wechseln Sie Positionen häufiger (Sitzen, Stehen, Gehen).

  • Bauen Sie sanfte, mehrdimensionale Bewegungen ein: Drehen, Seitneigen, Strecken in verschiedene Richtungen.

  • Denken Sie eher an kleine „Bewegungshäppchen“ über den Tag verteilt als nur an eine einzige grosse Sporteinheit.

Atemraum schaffen

  • Nehmen Sie mehrmals täglich kurz wahr: Ist die Atmung eher hoch und flach – oder dürfen sich Rippen und Bauch mitbewegen?

  • Weichere, etwas längere Ausatmung können dem Nervensystem helfen, Spannung zu reduzieren – und damit oft auch Gewebe, loszulassen.

Flüssigkeit und Dosierung

  • Ausreichend zu trinken unterstützt die allgemeine Gewebeversorgung (auch der Faszien).

  • Wenn möglich, wechseln Sie nicht abrupt von „ruhig“ zu „intensiv“, sondern geben Sie dem Körper Zeit, sich aufzuwärmen.

Faszienorientierte Körperarbeit

  • Ansätze wie Rolfing® Strukturelle Integration® und ScarWork™ arbeiten mit Faszienverbindungen und Ganzkörpermustern.

  • Ziel ist nicht, „die schmerzenden Stellen anzugreifen“, sondern dem System zu helfen, sich besser zu organisieren und sich insgesamt unterstützter anzufühlen. Ich arbeite mit dem Nervensystem, nicht dagegen.


7. Wann Sie ärztlichen Rat einholen sollten

Faszien sind wichtig – aber nicht die Antwort auf alles.

Bitte holen Sie unbedingt ärztlichen Rat ein, wenn Sie zum Beispiel Folgendes bemerken:

  • plötzlich einsetzende, sehr starke Kopfschmerzen, die Sie so noch nie hatten,

  • neurologische Symptome (z.B. Lähmungserscheinungen, Taubheit, Probleme mit Sprache oder Sehen),

  • unerklärlichen Gewichtsverlust, Fieber oder Nachtschweiß in Verbindung mit Rückenschmerzen,

  • Probleme mit Blasen- oder Darmkontrolle oder starke, ausstrahlende Schmerzen.

In solchen Fällen wenden Sie sich bitte zügig an eine Ärztin oder einen Arzt.

Faszienorientierte Körperarbeit kann dann oft eine sinnvolle Ergänzung sein – sie ersetzt jedoch keine medizinische Diagnostik und Behandlung.


Zusammengefasst

Faszien sind ein körperweites Bindegewebsnetzwerk, das verschiedene Regionen miteinander verbindet.

Spannung oder Einschränkung an einer Stelle kann zu Beschwerden an anderer Stelle beitragen – zum Beispiel bei Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen.

Ein Blick auf fasziale Zusammenhänge kann erklären, warum rein lokale Behandlungen manchmal nicht dauerhaft wirken.

Sanfte, faszienfreundliche Bewegung, bewusste Atmung und gezielte manuelle Arbeit können dem Körper helfen, mehr Raum, Unterstützung und Leichtigkeit zu finden.

Schwere oder plötzlich auftretende Symptome gehören immer zuerst in ärztliche Hände; faszienorientierte Arbeit kann den Gesamtprozess dann ergänzen.

Wenn Sie sich fragen, ob Ihre Kopf- oder Rückenschmerzen eine fasziale Komponente haben könnten, kann eine strukturierte Betrachtung Ihrer Bewegungsmuster und faszienorientierte Arbeit (z.B. Rolfing® Strukturelle Integration® und ScarWork™) ein Weg sein, dieses „fehlende Puzzleteil“ Schritt für Schritt zu erkunden.


Weiterführende Literatur:

Für einen vertiefenden Einblick in Faszien, Schmerz und Bewegung können diese Quellen ein Einstieg sein:

  • Stecco C (2014). Functional Atlas of the Human Fascial System. Elsevier.

  • Hübscher M (2018). Schmerzen verstehen – warum der Schmerz nicht im Gewebe sitzt. Springer.

  • Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.: Patienteninformationen zu chronischem Schmerz (online).

Diese Literatur bietet allgemeine Hintergrundinformationen und ersetzt keine individuelle medizinische Diagnostik oder Behandlung.


Fachliche Qualifikationen

• Rolfing® ist eine eingetragene Dienstleistungsmarke des Dr Ida Rolf Institute of Structural Integration

• Sharon Wheeler's ScarWork™ bezieht sich auf die spezifische, von Sharon Wheeler entwickelte Methodik

• Alle erwähnten Markenzeichen verbleiben im Eigentum ihrer jeweiligen Inhaber

Fachliche Standards Alle medizinischen und wissenschaftlichen Aussagen basieren auf aktueller Forschung und professioneller Erfahrung. Als Heilpraktiker in Ausbildung arbeite ich nach den strengen Richtlinien des deutschen Heilpraktikergesetzes.


Über den Autor:

Tobias Elliott-Walter ist zertifizierter Rolfer® für Strukturelle Integration, ScarWork™-Spezialist, Sivananda-Yogalehrer und internationaler Mentor mit Sitz in Saarbrücken. Mit über zwei Jahrzehnten Führungserfahrung in Europa, Asien, dem Nahen Osten und Nordamerika bringt Tobias eine einzigartige, kultursensible Perspektive in die Körperarbeit und ganzheitliche Gesundheit ein.

Seine Praxis vereint strukturelle Körperarbeit, Bewegung, Ernährung, Stressmanagement und Achtsamkeit, um Menschen dabei zu unterstützen, sich besser zu bewegen, zu fühlen und zu leben. Tobias setzt sich leidenschaftlich dafür ein, insbesondere Expats, Berufstätige im Wandel und Menschen in Veränderungsphasen zu stärken und ihnen Wege zu nachhaltigem Wohlbefinden und persönlichem Wachstum aufzuzeigen. Sitzungen sind auf Deutsch und Englisch, vor Ort oder online, sowie flexibel für internationale Klient:innen möglich.

Qualifikationen:

  • Zertifizierter Rolfer® (European Rolfing® Association, München)

  • ScarWork™-Praktiker für integrative Narbentherapie

  • Zertifizierter Sivananda-Yogalehrer (Bahamas Ashram, 2018)

  • Heilpraktiker in Ausbildun

Tobias’ Arbeit basiert auf wissenschaftlich fundierten Strategien, internationaler Mentoring-Erfahrung und einer ganzheitlichen Perspektive, die Zusammenarbeit, Anpassungsfähigkeit und lebenslanges Lernen in den Mittelpunkt stellt. Sein Ziel ist es, jede:n Klient:in individuell auf dem Weg zu nachhaltiger Gesundheit zu begleiten – unabhängig vom Wohnort oder den aktuellen Herausforderungen.

Mehr erfahren oder Kontakt aufnehmen.


Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung. Die hier geteilten Informationen basieren auf aktueller wissenschaftlicher Forschung und praktischer Erfahrung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Therapeuten.

© 2026 Tobias Elliott-Walter. Alle Rechte vorbehalten.

Previous
Previous

Wie Sie eine passende Form von Körperarbeit finden: 7 Fragen zur Orientierung vor der Buchung

Next
Next

Wie viele Sitzungen brauche ich? Die Rolfing®‑10er‑Serie verständlich erklärt