Warum Narben auch Jahre später noch ziehen oder „fremd“ wirken können

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Vielleicht kommt Ihnen das bekannt vor:

  • Sie hatten vor Jahren eine Operation oder einen Unfall – aber der Narbenbereich fühlt sich immer noch gespannt, taub oder empfindlich an.

  • Die Narbe sieht von außen unspektakulär aus, und trotzdem fühlt sich etwas dort einfach nicht „richtig“ an.

  • Sie spüren Ziehen, Kribbeln oder merkwürdige Empfindungen, wenn Sie sich strecken, drehen oder in bestimmten Positionen liegen.

Vielleicht denken Sie sogar:

„Das ist jetzt eben so. Ich sollte mich nicht so anstellen.“

Aber Narben sind mehr als nur eine Linie auf der Haut. Sie sind Teil eines lebendigen, sich ständig anpassenden Körpers – und deshalb können sie Sie auch lange nach der Heilung noch beeinflussen.

In diesem Artikel geht es darum, warum Narben auch Jahre später noch schmerzen oder sich „fremd“ anfühlen können – und wie sanfte, faszienorientierte manuelle Arbeit den Bereich unterstützen kann.


1. Eine Narbe ist nicht „nur Haut“ – sie verändert Ihr ganzes Fasziensystem

Bei einer Verletzung oder Operation leistet Ihr Körper Erstaunliches: Er baut schnell Narbengewebe auf, um die Stelle zu schließen und zu stabilisieren.

Dieses Gewebe ist stabil und schützend – aber oft auch:

  • dichter und weniger elastisch als das ursprüngliche Gewebe,

  • in eher zufälligen Richtungen angeordnet (Ihr Körper ist im „Notfall‑Reparaturmodus“, nicht im „Fein‑Design‑Modus“).

Weil Ihre Faszie – das Bindegewebe – Haut, Muskeln, Organe, Nerven und Knochen miteinander verbindet, ist eine Narbe selten ein isoliertes Ereignis. Sie ist eher:

wie ein Knoten in einem Spinnennetz – ziehen Sie an einer Stelle, bewegt sich auch etwas an anderer Stelle.

Deshalb kann selbst eine kleine Narbe manchmal erstaunlich weite Auswirkungen haben.


2. Wie sich Narben Jahre später bemerkbar machen können

Lange nach der eigentlichen Heilung können Sie zum Beispiel bemerken:

  • Ziehen oder Spannung, wenn Sie sich strecken, drehen, greifen oder tief einatmen

  • Taubheit oder vermindertes Empfinden in oder um die Narbe

  • Überempfindlichkeit – die Stelle reagiert stark auf manuellen Kontakt, Kleidung oder Temperatur

  • „komische“ Empfindungen wie Kribbeln, Jucken, Brennen oder ein Gefühl von „Fremdheit“

  • veränderte Haltung oder Bewegung – Sie vermeiden unbewusst bestimmte Positionen

  • Beschwerden an anderen Stellen (z.B. Rückenschmerzen nach Bauch‑OP, Schulterspannung nach Brust‑OP, Hüftprobleme nach Kaiserschnitt)

Das bedeutet nicht, dass mit Ihnen „etwas nicht stimmt“. Es zeigt nur, dass Ihr Körper sich angepasst hat – und dass diese Anpassungen nicht immer hilfreich sind.


3. Warum Narben auch nach langer Zeit noch weh tun oder „seltsam“ sein können

Einige wichtige Gründe:

a) Eingeschränkte Faszie und Gleitfähigkeit

Gesunde Faszie ermöglicht, dass sich Gewebeschichten übereinander verschieben und gleiten. Narbengewebe kann diese Schichten miteinander „verkleben“. Mit der Zeit kann das führen zu:

  • weniger Bewegung in diesem Bereich

  • Ausweichbewegungen in benachbarten Gelenken und Muskeln

  • einem Gefühl von Zug, Enge oder des „Feststecken“

b) Nerven und Empfindung

In dem Gebiet, in dem operiert oder verletzt wurde, verlaufen oft Nerven. Während der Heilung können sie:

  • gereizt, gedehnt oder durchtrennt werden

  • von dichterem Narbengewebe umgeben sein und sogar etwas gedrückt sein

Das kann bewirken:

  • taube Bereiche

  • überempfindliche Punkte

  • schwierige, schwer zu beschreibende Empfindungen

c) Schutzmuster und „Erinnerung“

Nach Schmerz oder Trauma gehen Körper und Nervensystem oft in einen Schutzmodus:

  • Sie vermeiden bestimmte Bewegungen unbewusst.

  • Muskeln rund um die Narbe bleiben leicht „auf Habacht“.

  • Ihr Gehirn behandelt die Region weiterhin wie „besonders empfindlich“, obwohl sie strukturell längst verheilt ist.

Diese Muster können sich über Jahre halten – bis Sie bewusst und sanft wieder Kontakt zu diesem Bereich aufnehmen.


4. Emotionale Ebenen: Warum Narben nicht nur körperlich sind

Narben tragen oft auch emotionale Geschichten:

  • eine schwierige Geburt oder ein Not‑Kaiserschnitt

  • ein Unfall oder eine plötzliche Verletzung

  • eine Krebsdiagnose und Behandlung

  • eine Operation, die Ihr Körperbild verändert hat

Es ist völlig normal, wenn manueller Kontakt – oder sogar schon das Nachdenken über die Narbe – Gefühle auslöst:

  • Anspannung oder Angst

  • Traurigkeit oder Wut

  • ein Gefühl von Distanz zu diesem Körperbereich

Sanfte, respektvolle Narbenarbeit will diese Gefühle nicht „wegdrücken“. Es geht darum, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Körper und Nervensystem weicher werden, sich wieder verbinden und das Erlebte besser integrieren können.


5. Was sanfte ScarWork™- und Faszienarbeit unterstützen kann

ScarWork™ ist ein spezialisierter, sehr sanfter Ansatz, um mit Narben und dem umliegenden Gewebe zu arbeiten. Ziel ist nicht, Narben „verschwinden zu lassen“ oder kosmetische Ergebnisse zu versprechen. Im Mittelpunkt steht:

  • die Qualität und Geschmeidigkeit des Narbengewebes zu verbessern,

  • die Gleitfähigkeit und Beweglichkeit der darunterliegenden Schichten zu unterstützen,

  • die Wahrnehmung zu normalisieren (weniger Taubheit, weniger Überempfindlichkeit),

  • dem ganzen Körper zu helfen, sich angenehmer um die Narbe herum zu organisieren.

In der Praxis bedeutet das zum Beispiel:

  • leichter, präziser manueller Kontakt auf und um die Narbe

  • kleine, gezielte Bewegungen, um mehr Raum und Flexibilität einzuladen

  • Arbeit nicht nur direkt an der Narbe, sondern auch an zusammenhängenden Bereichen (z.B. Rücken, Rippen, Becken), die mitkompensiert haben

Viele Menschen beschreiben ScarWork™ als:

  • „Überraschend sanft.“

  • „Tief entspannend.“

  • „Als würde mein Körper diesen Bereich endlich wieder richtig dazunehmen.“


6. Wie eine Narben-Sitzung aussehen kann

Eine typische, narbenorientierte Sitzung bei mir kann folgende Elemente enthalten:

Gespräch

  • Was ist passiert? (Operation, Unfall, Geburt, Behandlung …)

  • Wie lange ist das her – und wie hat sich die Narbe seitdem angefühlt?

  • Was nehmen Sie heute wahr – körperlich und emotional?

Blick auf Haltung und Bewegung

  • wie Sie stehen, gehen und atmen

  • wo Ihr Körper vielleicht schützt oder vermeidet

Sanfte manuelle Arbeit

  • an und um die Narbe (immer mit klarer Absprache und innerhalb Ihres Wohlfühlbereichs)

  • an zusammenhängenden Faszienlinien und Strukturen (z.B. Bauch und Rücken, Brustkorb und Schultern, Becken und Beine)

Integration

  • Zeit, um nachzuspüren, was sich verändert hat

  • einfache Anregungen für den Alltag (z.B. kleine Bewegungen, Atem, ggf. behutsamer manueller Kontakt durch Sie selbst, wenn passend)

Wichtig: Sie behalten jederzeit die Kontrolle. Sie können jederzeit um eine Pause bitten, Wünsche äußern oder die Sitzung beenden.


7. Was Menschen nach Narbenarbeit häufig berichten

Erfahrungen sind individuell, aber viele Klientinnen und Klienten berichten zum Beispiel von:

  • einem Gefühl, dass die Narbe weicher, wärmer oder „lebendiger“ ist

  • weniger Zug oder Spannung bei bestimmten Bewegungen

  • einem natürlicheren, weniger „fremden“ Gefühl in diesem Körperbereich

  • Veränderungen in Haltung oder Bewegung, die sich leichter und ausgewogener anfühlen

  • einer allgemeinen Entspannung und Erleichterung

Manche Veränderungen sind zunächst subtil, andere sehr deutlich. Oft arbeitet der Körper in den Tagen und Wochen nach einer Sitzung weiter.


8. Was Sie tun können, wenn eine alte Narbe Sie noch belastet

Einige sanfte Schritte, die Sie selbst gehen können:

  • Anerkennen, dass Ihre Wahrnehmung real ist. Sie bilden sich nichts ein und sind nicht „empfindlich“. Narben können Ihr Körpergefühl auch Jahre später beeinflussen.

  • Neugier statt Urteil. Beobachten Sie, wann und wie sich die Narbe meldet: bei bestimmten Bewegungen, Tageszeiten, Belastungen oder Stress. Diese Beobachtungen sind wertvoll.

  • Sanfte professionelle Unterstützung in Betracht ziehen. Faszienorientierte Arbeit wie ScarWork™ und Rolfing® Strukturelle Integration® kann Ihrem Körper helfen, rund um die Narbe wieder mehr Raum, Weichheit und Leichtigkeit zu finden.

  • In Ihrem eigenen Tempo vorgehen. Besonders wenn eine emotionale Geschichte dazugehört, ist es völlig in Ordnung, in kleinen Schritten vorzugehen und immer wieder bei sich selbst einzuchecken.


9. Wann Sie zuerst mit einer Ärztin oder einem Arzt sprechen sollten

ScarWork™ und Faszienarbeit sind ergänzende Ansätze. Sie ersetzen keine medizinische Abklärung oder Behandlung.

Sprechen Sie bitte zuerst mit einer Ärztin oder einem Arzt, wenn Sie bemerken:

  • plötzliche Veränderungen von Farbe, Temperatur oder Schwellung an der Narbe

  • starke, neue Schmerzen, die Sie bisher nicht kannten

  • Anzeichen einer Entzündung – oder alles, was Ihnen Sorgen macht

Wenn medizinisch alles in Ordnung ist und Sie grünes Licht bekommen haben, kann sanfte Narbenarbeit oft eine hilfreiche Ergänzung sein.


10. Sie müssen sich nicht einfach „damit abfinden“

Es ist leicht zu denken:

„Das ist schon so lange her. Da kann man jetzt nichts mehr machen.“

Aber Ihr Körper ist kein starres System. Er ist lebendig und anpassungsfähig – und das gilt auch für Ihre Narben.

Mit Zeit, Geduld und passenden manuellen Techniken erleben viele Menschen:

  • mehr Komfort und Leichtigkeit rund um alte Narben,

  • verbesserte Bewegung und Haltung,

  • ein tieferes Gefühl von Verbindung zum eigenen Körper.

Wenn Sie das erkunden möchten, können Sie:

  • Ihre Fragen zu Ihrer speziellen Narbe oder OP‑Geschichte stellen,

  • eine Sitzung mit Fokus auf ScarWork™ buchen,

  • Narbenarbeit mit Rolfing® Strukturelle Integration® kombinieren, um nicht nur die Narbe, sondern Ihre ganze Körperstruktur zu unterstützen.

Sie haben nur einen Körper. Sie können ihn nicht ersetzen – aber Sie können ihn unterstützen, selbst viele Jahre nach einer Operation oder Verletzung.


Weiterführende Literatur

Wenn Sie sich näher für Narbengewebe und Wundheilung interessieren, können diese Quellen ein Einstieg sein:

  • Kwan P et al. (2016). Scar biology and scar therapies. Facial Plast Surg 32(5): 500–506.

  • Földi M, Földi E (2012). Lehrbuch der Lymphologie. Urban & Fischer.

  • Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung (DGfW): Patienteninformationen zu Wundheilung und Narben (online).

Diese Literatur bietet allgemeine Hintergrundinformationen und ersetzt keine individuelle medizinische Diagnostik oder Behandlung.


Fachliche Qualifikationen

• Rolfing® ist eine eingetragene Dienstleistungsmarke des Dr Ida Rolf Institute of Structural Integration

• Sharon Wheeler's ScarWork™ bezieht sich auf die spezifische, von Sharon Wheeler entwickelte Methodik

• Alle erwähnten Markenzeichen verbleiben im Eigentum ihrer jeweiligen Inhaber

Fachliche Standards Alle medizinischen und wissenschaftlichen Aussagen basieren auf aktueller Forschung und professioneller Erfahrung. Als Heilpraktiker in Ausbildung arbeite ich nach den strengen Richtlinien des deutschen Heilpraktikergesetzes.


Über den Autor

Tobias Elliott-Walter ist zertifizierter Rolfer® für Strukturelle Integration, ScarWork™-Spezialist, Sivananda-Yogalehrer und internationaler Mentor mit Sitz in Saarbrücken. Mit über zwei Jahrzehnten Führungserfahrung in Europa, Asien, dem Nahen Osten und Nordamerika bringt Tobias eine einzigartige, kultursensible Perspektive in die Körperarbeit und ganzheitliche Gesundheit ein.

Seine Praxis vereint strukturelle Körperarbeit, Bewegung, Ernährung, Stressmanagement und Achtsamkeit, um Menschen dabei zu unterstützen, sich besser zu bewegen, zu fühlen und zu leben. Tobias setzt sich leidenschaftlich dafür ein, insbesondere Expats, Berufstätige im Wandel und Menschen in Veränderungsphasen zu stärken und ihnen Wege zu nachhaltigem Wohlbefinden und persönlichem Wachstum aufzuzeigen. Sitzungen sind auf Deutsch und Englisch, vor Ort oder online, sowie flexibel für internationale Klient:innen möglich.

Qualifikationen:

  • Zertifizierter Rolfer® (European Rolfing® Association, München)

  • ScarWork™-Praktiker für integrative Narbentherapie

  • Zertifizierter Sivananda-Yogalehrer (Bahamas Ashram, 2018)

  • Heilpraktiker in Ausbildun

Tobias’ Arbeit basiert auf wissenschaftlich fundierten Strategien, internationaler Mentoring-Erfahrung und einer ganzheitlichen Perspektive, die Zusammenarbeit, Anpassungsfähigkeit und lebenslanges Lernen in den Mittelpunkt stellt. Sein Ziel ist es, jede:n Klient:in individuell auf dem Weg zu nachhaltiger Gesundheit zu begleiten – unabhängig vom Wohnort oder den aktuellen Herausforderungen.

Mehr erfahren oder Kontakt aufnehmen.


Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung. Die hier geteilten Informationen basieren auf aktueller wissenschaftlicher Forschung und praktischer Erfahrung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Therapeuten.

© 2025 Tobias Elliott-Walter. Alle Rechte vorbehalten.

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